„Herta Müller hat uns einige Punkte eingebracht“

Gespräch mit Ioan Talpos, Rektor der Temeswarer Westuniversität

 

Ein neues Universitätsjahr steht an und somit ist auch das Studentenviertel in Temeswar/Timisoara wieder zum Leben erwacht. Rund 20.000 Studenten werden dieses Jahr einem Universitätsstudium in der Stadt an der Bega nachgehen – um etwa zehn Prozent weniger im Vergleich zum Vorjahr. Über die Probleme, die zu jedem Schulbeginn auftauchen, dem neuen Schulcampus Oituz und die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Westuniversität Temeswar sprach BZ-Redakteurin Ana Saliste mit Rektor Ioan Talpos.
 
Was bietet die Temeswarer Westuniversität ihren Studenten Neues?
Wir haben in den letzten Monaten mehrere Bauarbeiten an Heimen und Unterrichtsräumlichkeiten vorgenommen. Ab diesem Jahr sind fast alle Studentenheime frisch saniert. Auch drei Hörsäle wurden renoviert. Doch als größte Errungenschaft würde ich die Gründung der Forschungslabors im Rahmen des Schulcampus` Oituz erwähnen. Diese wurden dieses Jahr ihrer Bestimmung übergeben und sind sehr modern ausgestattet. Zugleich bietet die Westuniversität ab diesem Jahr den Studiengang „Management“ auch in französischer Sprache an. Der Studiengang läuft seit einigen Jahren schon in englischer Sprache.
Als absolutes Novum ist auch ein Vertrag in Wert von zehn Millionen Euro, den wir Ende September mit dem Nationalen Forschungsinstitut unterzeichnet haben. Das Projekt wird durch EU-Gelder finanziert und sieht die Gründung eines Instituts für fortgeschrittene Umweltforschung im Schulcampus Oituz vor. Hier werden Lehrkräfte und Studierende der Studienfächer Physik, Chemie, Mathematik, Informatik, Wirtschaft, Biologie, Erdkunde, Soziologie und Anthropologie ihre Forschungsarbeiten durchführen können. Die Bauarbeiten sollen in drei Jahren beendet sein.
Künftig soll auch die Musikfakultät in den Schulcampus Oituz versetzt werden. Wann wird es endlich so weit sein?
Beim Gebäude, das die Musikfakultät beherbergen soll, werden wir leider in diesem Jahr nur noch kleine Bauarbeiten durchführen können. Die Machbarkeitsstudie wurde aber schon beendet. Die Kosten belaufen sich auf rund zwölf Millionen Euro, davon können wir aber einstweilen nur drei Millionen zur Verfügung stellen. Den Rest der Finanzierung soll die Regierung abdecken, noch wurde bislang kein Geld dafür locker gemacht. Wir können nur weiterhin abwarten.
Tausende von Studenten strömen derzeit nach Temeswar. Da taucht immer wieder das Problem der Wohnheimplätze auf. Viele Studierende müssen dieses Jahr mit einer hohen Miete rechnen, da die Universitäten über nicht genug subventionierte eigene Unterkunftsplätze verfügen. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?
 
Derzeit arbeiten wir am Projekt für die Gründung eines Studentenheimes mit 660 Plätzen im Studentenviertel. Der Bau wurde schon von der Stadtverwaltung genehmigt. In den nächsten Wochen müssen wir die notwendigen Baugenehmigungen bekommen, um dann schon die Ausschreibung für die Bestimmung der Baufirma zu organisieren. Wir wollen, dass die Bauarbeiten bereits im Dezember beginnen, damit das Gebäude in maximal drei Jahren fertiggestellt wird. Das Geld dazu hat die Regierung locker gemacht: Zweieinhalb Millionen Euro sind schon auf unserem Konto.
Mit 660 Plätzen mehr wird das Problem der Unterkunftsplätze noch nicht gelöst.
Ja, das ist wahr. Ich finde aber, das ist ein globales Problem. Es gibt viele Universitäten im Ausland, die nur 30, 40 oder 50 Prozent der Anmeldungen abdecken. Bei uns sieht es in diesem Jahr sogar besser aus im Vergleich zu den Vorjahren. Wir hatten im Sommer etwa 5.000 Anträge für einen Platz in einem Studentenheim, die Universität hält rund 3.000 Plätze bereit. Somit werden 60 Prozent der Anmeldungen abgedeckt. Ich finde, das ist schon ein Fortschritt.
Welche Probleme tauchen am Anfang eines Studienjahres immer wieder auf?
Da ist es immer wieder das Problem des Stundenplans. Es ist ziemlich schwierig, ihn zu gestalten, wegen der zu wenigen Unterrichtsräumlichkeiten. Die Vorlesungen werden somit 90 Minuten ohne Pausen dauern. Ein Problem ist auch, wenn die Studenten Vorlesungen in verschiedenen Gebäuden besuchen müssen. Wir müssen den Stundenplan so organisieren, dass sie genug Zeit haben, um im anderen Gebäude rechtzeitig anzukommen. Wenn sie jetzt zum Beispiel eine Vorlesung im Gebäude an der Pârvan-Straße besuchen und dann eine andere Vorlesung auf der Pestalozzi-Straße folgt, müssen wir mit eineinhalb Stunden Pause rechnen, damit sie Zeit genug haben.
 
In wie weit hat die Wirtschaftskrise die Universität getroffen?
Die Anzahl der Studierenden ist in diesem Jahr um zehn Prozent gesunken. In diesem Jahr ist der Rückgang der Anzahl der Studierenden aber schon abgebremst, gegenüber dem Vorjahr. 2009 waren um 20 Prozent weniger Studenten im ersten Jahrgang eingeschrieben als im Jahr 2008.
 
Eines Ihrer Ziele war, mehr ausländische Studenten anzulocken. Wie kann man das erreichen?
Unsere Universität wurde vor Kurzem von der Europäischen Universitätengemeinschaft (EUA) evaluiert. Da haben wir eine sehr gute Punkteanzahl eingeräumt bekommen. Es hat uns viel Geld und Aufwand gekostet, aber es hat sich gelohnt: Nun gelten wir als eine europäische Universität. Der Bericht darüber wird auf dem online-Portal der EUA veröffentlicht. Dies soll ausländische Studenten auf uns aufmerksam machen, obwohl es weiterhin schwer sein wird, Studenten aus dem Ausland die Temeswarer West-Universität schmackhaft zu machen. Noch haben wir wenig Ausländer, die bei uns studieren. Die Anzahl der Studenten aus dem Ausland wird international nur dann in Betracht gezogen, wenn sie zehn Prozent überschreitet. Noch ist es nicht so weit. Leider.
 
In der Studie „University Ranking“ der deutschen Firma Kienbaum Management Consultants belegt die Westuniversität 2009 in Rumänien erst den 14. Platz. Wie kommentieren Sie?
Ich habe dieses Ranking nicht analysiert und ich kenne auch nicht die Kriterien, die hier in Betracht gezogen wurden. Ich glaube, wir belegen den sechsten Platz in einem nationalen Ranking. Nach Universitäten aus Klausenburg, Jassy und Bukarest. Die Tatsache, dass eine Absolventin von uns, Herta Müller, mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, hat uns viele Punkte eingebracht. Wir nehmen uns vor, in den nächsten Jahren ein oder zwei Plätze gutzumachen.
Was fehlt der Westuniversität?
Wir brauchen mehr Studienprogramme in Fremdsprachen, mehr Doktoranden und viel mehr Veröffentlichungen in Fachzeitschriften. Wir brauchen mehr Lehrkräfte aus dem Ausland oder Lehrkräfte, die im Ausland tätig sind. Wir ziehen all diese Kriterien in Betracht. Es ist aber ziemlich schwierig. Auf dem ersten Platz liegt die „Babes Bolyai“-Universität in Klausenburg, die hat aber auch einen anderen Status: Es ist eine multikulturelle Universität, dreisprachig und hat somit auch eine größere Auswahl an Studienprogrammen, mehr Forschungsinstitute usw. Dieses Forschungsinstitut, das wir gründen werden, soll uns auch einige zusätzliche Punkte einbringen.
 
Es wird aber immer wieder bemängelt, dass an der Westuniversität zu wenig geforscht wird. Wie stehen Sie dazu?
Das ist nicht wahr. Die Uni hat viele Forschungsunterfangen. Leider konnte ich mein Versprechen nicht einhalten: Ich wollte jede Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift des ICU-Niveaus mit 1.000 Euro belohnen. Ein starker materieller Anreiz. Die öffentliche Verwaltung erlaubt mir das aber nicht. Leider ist die staatliche Universität viel zu sehr vom Staat abhängig. Wir haben zu wenig Freiheit, um uns selbst zu verwalten. Wir können leider nur Ehrendiplome verleihen, die zwar wichtig sind, jedoch für unterbezahlte Lehrkräfte nicht so bedeutend wie ein Veröffentlichungshonorar. Auch damit wir diese Ehrendiplome für die besten Forscher oder für die beste Dissertation verleihen können, haben wir Genehmigungen gebraucht.
 
Die Universität hat aber ein bedeutendes Einkommen von den Gebühren, die die Studenten jährlich zahlen.
Das ist jedoch viel zu wenig im Vergleich zu den Verwaltungskosten, die eine Universität beansprucht. Diese decken nur etwa 30 Prozent der Kosten. Nehmen wir an, wir haben 14.500 Studenten, die jährlich 2800 Lei Studiumsgebühr zahlen. Es sind somit ungefähr zehn Millionen Euro. Für die Verwaltung einer Uni ist das zu wenig, auch, weil wir noch vieles vorhaben, das viel mehr Geld erfordert. Hinzu kommen noch die 1.400 Lehrkräfte, die hier tätig sind.
 
Und doch haben Sie im Frühjahr rund 20.000 Lei an die Firma „Logos Consulting“ bezahlt, die eine Zusammenarbeit mit Persönlichkeiten versprochen hatte, um Vorlesungen zu halten – darunter auch Prinz Duda, der Schwiegersohn des Königs Mihai I. Uni-Lehrkräfte kritisierten damals, dass die Uni zu viel Geld für diese Vorlesungen ausgibt. Prinz Duda hatte auch das Geld zurückgegeben. Ist der Vertrag mit der Firma noch gültig?
Nein, ich habe den Vertrag gecancelt. Der Prinz hat das Geld zurückgegeben. Alles war aber komplett transparent, auch wenn viele kritisiert haben, dass zu viel Geld im Spiel war. Ich finde, solche prominente Persönlichkeiten brauchen auch eine angemessene Bezahlung. Wir werden weiterhin mit Prinz Duda zusammenarbeiten, jedoch unter anderen Bedingungen, die wir noch nicht geregelt haben.

 

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